Wiese, Sonne scheint

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Funktionieren, aber sich selbst nicht mehr spüren

Es gibt diesen einen Satz. Er kommt meistens abends, oder morgens im Auto, kurz bevor du losfährst: „Das kann doch nicht alles gewesen sein.“

Das Verrückte daran ist ja, von außen ist alles in Ordnung. Du hast einen Job, du kriegst dein Leben hin, und die Leute sagen: „Mensch, du machst das aber gut.“

Und trotzdem sitzt du da und denkst: Das ist doch nicht das Leben.

Funktionieren heißt, dass es von alleine läuft

Ich bin den ganz normalen Weg gegangen. Ausbildung, arbeiten, funktionieren. Gastronomie, später Fitnessstudios, am Ende habe ich die Studios mit geleitet. Ich bin in jedem Job irgendwie ganz nach oben gekommen.

Und jedes Mal habe ich oben gestanden und festgestellt: Das ist alles nicht meins. Es ging nur ums Geld, und je weiter oben, desto weniger ging es um Menschen.

Das klingt nach Erfolgsgeschichte, war es aber nicht. Weil ich mich jedes Mal totgearbeitet habe. Wirklich wie ein Tier. Und wenn es schlechter wurde, war meine Antwort: noch mehr leisten.

Weißt du, was Funktionieren eigentlich heißt? Du machst das alles im Schlaf, wie so ein Roboter. Du musst dich nicht mal mehr zusammenreißen, weil du längst so festgefahren bist, dass es von alleine läuft. Und dabei fühlst du nichts mehr.

Das ist der Preis

Dabei hatte ich einen Traum. Ich wollte leben, die Welt sehen, Abenteuer erleben. Und dann sitzt du da und merkst, wir jagen alle nur dem nächsten Urlaub hinterher, und dazwischen machen wir irgendeinen Job.

Man muss ja arbeiten, sagt man so. Und dann frag mal die Leute, wer wirklich glücklich ist mit seiner Arbeit. Man muss das ja irgendwie machen. Nee, muss man nicht.

Betäubung hat viele Gesichter

Wie ich das ausgehalten habe? Ich bin feiern gegangen. Immer wenn es im Job nicht mehr ging, war ich am Wochenende weg. Die Musik, die Leute, die Nacht.

Da habe ich mir ein gutes Gefühl geholt, und am Montag bin ich wieder arbeiten gegangen, so wie sich das gehört. Ich gehe hier nicht ins Detail, was da noch alles mit dranhing.

Jetzt haken das viele bei sich ab. Ja gut, feiern, ich gehe ja nicht feiern.

Genau da will ich hin. Betäubung hat unglaublich viele Gesichter, und die meisten davon sind gesellschaftlich völlig akzeptiert. Ich meine den Moment, wo es das Einzige ist, was noch geht.

Der Feierabendwein jeden Abend. Das Handy, das du anmachst, bevor du überhaupt merkst, dass du traurig bist. Die Serie, die läuft, damit es nicht still wird. Arbeiten, ganz viel arbeiten. Für manche davon kriegst du sogar Applaus.

Daraus wird ein Kreislauf. Du funktionierst, dann betäubst du dich, damit du das Funktionieren aushältst, dann brauchst du Urlaub, damit du dich davon erholst, und dafür arbeitest du dann. Und das soll das Leben sein?

Ich sage das nicht, um irgendwem etwas vorzuwerfen. Ich habe das alles selber durch. Und ich bin ehrlich gesagt dankbar, dass es bei mir irgendwann extrem geworden ist, weil man dann hinguckt. Wenn es immer nur ein bisschen ist, läuft das schleichend weiter.

Unter dem Betäuben lag übrigens keine Schwäche. Da lag eine Suche. Ich wollte nicht weg vom Leben, ich wollte mehr davon. Ich habe mich nur nicht getraut, es mir woanders zu holen.

Woher ich das weiß? Die Lebendigkeit war vorher schon da. Music was my first love, und Musik zieht sich durch mein ganzes Leben.

Ich bin gegangen, ohne etwas zu sagen

Wie das einmal ausgesehen hat: Ich habe damals ein Restaurant geleitet, und meine Chefin hatte mich vor versammelter Mannschaft und vor den Gästen mit „Fuck you“ betitelt. Vor allen. So richtig.

Und weißt du, was ich gemacht habe? Nichts. Ich bin am nächsten Tag wieder hin und am Tag danach auch. Wochenlang.

Dann kam eine große Veranstaltung, ich war die einzige Ausgebildete. Zehn Minuten vor Beginn habe ich eine Mail geschrieben: Ich komme heute nicht. Ich habe nicht mal angerufen. Eine Mail. Und ich bin nie wieder hingegangen.

Ich saß dabei zu Hause und kam gerade vom Feiern. Das gehört dazu, sonst klingt das hier wie eine Heldengeschichte. Und das war es nicht.

Bei mir läuft das immer gleich ab. Zuerst kommt die Wut, und die kommt spät, vorher lasse ich lange mit mir machen. Irgendwann ist da dieses: Es reicht. Das ist der Punkt, wo ich handle. Nicht vorher.

Und was die Leute dann überrascht: Ich werde nicht laut. Ich werde ganz ruhig. Ich handle einfach. Zum Beispiel gehe ich.

Danach kommt die Angst, weil ich mir gerade selber den Boden unter den Füßen weggerissen habe. Nicht das Leben. Ich. Und dann die Verwirrung. Und was jetzt?

Wut zeigen ist bei uns nicht vorgesehen

Mir wurde dafür schon einiges angedichtet, von Leuten, die keine Ärzte waren. Wut zeigen, Gefühle zeigen, aus einem Gefühl heraus handeln, das macht man ja so nicht, ne.

Wie ich das heute sehe: Ich fühle, und ich fühle viel. Mein Gefühl hat einen Grund, es hat seine Berechtigung, und es ist absolut gesund.

Die Wut ist dabei nur die erste Schicht. Wenn du sie durchlässt, kommt darunter die Trauer. Und da will kaum einer hin, ich auch nicht, ganz lange nicht.

Woran ich das merke? Frag mal Menschen, wann sie das letzte Mal geweint haben. Ganz viele können das gar nicht mehr. Die gucken dich an und sagen: „Keine Ahnung, Jahre her.“

Wer die Wut wegdrückt, kommt an die Trauer gar nicht erst ran. Die Wut liegt halt davor.

Ungesund wird es aus meiner Sicht erst, wenn du die Wut runterschluckst und dich klein machst. Dann frisst sich das nach innen, und auf Dauer macht das was mit einem Menschen. Weil das Gefühl gefühlt werden will.

Das Fühlen war nie mein Problem, das Aussprechen war es

Das ist der ehrliche Teil: Sagen wäre besser gewesen. Zwischen dem Moment, wo es nicht mehr gepasst hat, und dem Tag, an dem ich weg war, lagen Monate, manchmal Jahre. In dieser ganzen Zeit habe ich nichts gesagt. Kein einziges Mal.

Nur wer’s Maul aufmacht, wird gehört. Klingt platt, ist aber so. Und ich bin da heute noch nicht ganz fertig. Nicht mehr so lange wie früher, aber es ist noch da.

Ich glaube, es braucht viel, viel mehr Gefühl und ganz viel weniger funktionieren.

Ich geb dir eine Frage mit. Nimm sie mit in die nächsten Tage, du musst sie jetzt nicht beantworten.

Wenn du an all das denkst, wo du in deinem Leben ausgehalten hast, ohne es jemals auszusprechen: Was davon würdest du heute sagen?